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Person und Familie |
Christian von Massenbach
(Aus dem Katalog der Ausstellung)
Die Lebensgeschichte des Generalstabsoffiziers Christian von Massenbach,
geboren 1758 im thüringischen Schmalkalden und 1827 gestorben im Dorf Bialokosz im Großherzogtum Posen,
zeigt ein Kapitel preußisch-polnischer Geschichte.
Eingebettet in die Umwälzungen Europas zwischen der Zeit Friedrich des Großen und dem Beginn des Vormärz
werden die Auswirkungen der widerstrebenden politischen, militärischen und geistigen Kräfte
auf ein Einzelschicksal betrachtet.
Die Biographie des Obersten Christian von Massenbach würdigt sein Streben
als Reformer des preußischen Militärs, zeigt seine Haltung während der napoleonischen Kriege,
geht seinen politischen Aktivitäten nach dem Wiener Kongress nach.
Das umfangreich ausgebreitete Material öffnet dem Leser
einen Blick in die persönliche Sphäre Massenbachs und seiner Familie,
in sein Leben als preußischer Offizier am Hofe und im Krieg
und als Herr auf seinem Gut Bialokosz.
Massenbachs Wirken als Deputierter der württembergischen Ständeversammlung,
als Verfechter eines geeinten, auf einer Verfassung stehenden Deutschlands und
als Vordenker eines friedlichen Europas wie auch seine Zeit
als politischer Gefangener in den Festungen Küstrin und Glatz werden dargestellt.
Der Ort Bialokosz mit seiner polnisch-deutschen Geschichte findet
besondere Beachtung dem Wechsel seiner staatlichen Zugehörigkeit,
der Baugeschichte des Gutshauses und seiner Nutzung
werden nachgegangen. Auch der ehemalige Waldfriedhof
mit dem Grab Massenbachs wird präsentiert.
(aus dem Katalog der Ausstellung)
Christian von Massenbach
preußischer Obrist im Generalstab aus Württemberg mit Talent zum Konflikt mit dem preußischen Staat,
isoliert durch seine radikale Kritik an der
preußischen Außenpolitik und Kriegsführung,
verantwortlich gemacht für die Kapitulation bei Prenzlau gegen Napoleon,
vom Dienst suspendiert,
in Stuttgart für eine moderne Verfassung kämpfend und schließlich in Festungshaft weggesperrt,
steht für die Widersprüche in Preußen zwischen der Zeit Friedrichs des Großen und der „Heiligen Allianz“,
beigesetzt auf dem Waldfriedhof seines Gutes Bialokosz im heutigen Polen.
Die Hohe Karlsschule
In Ludwigsburg und Stuttgart
Die Mutter Massenbachs war über die schulische Vernachlässigung ihrer Söhne im Dorf Massenbach nicht glücklich. Trotz der Bemühungen eines Hauslehrers, eines Heldelberger Studenten, um die minimale Unterrichtung der älteren Söhne, an der Christian unregelmäßig teilnahm, blieb das Bildungsniveau niedrig. Der Unterreicht bestand hauptsächlich im Auswendiglernen und Abschreiben von Kirchenliedern, Psalmen und von Luthers Katechismus, der oberflächlichen Beschäftigung mit Rechnen, Geographie und Geschichte. Wilhelm von Edelsheim, der Bruder der Mutter, riet zu einer radikalen Lösung, dem Internat. Denn der weltläufige und gebildete Onkel Wilhelm von Edelsheim war nun näher als im vergleichsweise fernen Schmalkalden er bewog die Mutter 1770 zu der Entscheidung, die drei Brüder Christian, Ferdinand und Julianus nach dem württembergischen Ludwigsburg in ein Pensionat zu geben.
Christian war schon zwölf Jahre, als er in einer Lateinschule in Ludwigsburg, der Residenz des Herzogs von Württemberg, den ersten regelmäßigen Unterricht erhielt. Von nun an war Disziplin angesagt, Professor Johann Friedrich Jahn und seine Lehrer waren streng, aber gerecht. Am 17. Juni 1771 folgte der junge Massenbach seinem Lehrer Johann Friedrich Jahn in die neu errichtete „militärische Pflanzschule“ auf dem Schloss Solitude. „Da wurden wir in den militärischen Rock eingekleidet und auf einem militärischen Zuschnitt erzogen. Es ging da alles, so zu sagen, nach der Trommel.“ erinnert sich Massenbach in seinen Memoiren.
Das Studium der Mathematik und Militärwissenschaft bei Professor Roesch und der Philosophie bei Professor Abel ließ Christian von Massenbach den Drill ertragen.
Zusammen mit Christian hatten die Brüder Ferdinand (1760-1825) und Julianus (1763-1775) die Ausbildung in Ludwigsburg 1770 begonnen. Ferdinand absolvierte mit Erfolg
1783 ein Jurastudium an der Karlsschule. Julianus starb bereits im Alter von zwölf Jahren in Ludwigsburg.
Christian von Massenbach war einer der besten Studenten der Solitude. Als die Militärakademie 1782 den Rang einer Universität, der „Hohen Karlsschule“, mit kaiserlichem Wohlwollen erlangte, war Massenbach, Chevalier, mehrfacher Preisträger und württembergischer Leutnant, schon Lehrer für Mathematik, Strategie und Taktik.
… gegen Mitternacht standen wir, der Jägerpursch und ich auf der Lauer, der Hirsch erschien nicht; wir wollten nach Hause gehen; der Mond schien hell; es war beinehe wie Tag “
Erste Freundschaften - Friedrich Schiller und Ulrich von Mandelsloh
Von seinen Mitschülern wurden unter anderem später als Politiker bekannt Ulrich Lebrecht Graf von Mandelsloh (1760-1827, württembergischer Geheimrat und Minister), Carl Wilhelm Freiherr Marschall von Bieberstein (1764 -1817, Geheimrat und Innenminister des Großherzogs von Baden), Carl Friedrich Philipp Heinrich Reischach (1763-1834, württembergischer Staats- und Innenminister), Graf Philipp Christian von Normann (1756-1817, württembergischer Innenminister) und natürlich der Dichter Friedrich Schiller, mit dem Massenbach auch nach der gemeinsamen Studienzeit verbunden blieb.
Es ist nicht sehr viel bekannt über die Jugendfreundschaften Massenbachs an der Karlsschule, es sind auch kaum schriftliche Zeugnisse über die Beziehungen der Zöglinge untereinander überkommen es sei denn, es waren die Freunde Friedrich Schillers. Obwohl Christian von Massenbach zum engeren Freundeskreis Schillers gehörte, gibt es auch über diese Freundschaft nur wenige Dokumente. Massenbach hat am 10. Dezember 1790 Friedrich Schiller einen längeren Brief geschrieben und Schiller hat ihn anlässlich seiner Reise nach Berlin im Jahre 1804 in Potsdam besucht und in seinem Haus übernachtet. Der Brief Massenbachs an Schiller ist seit Jahrzehnten bekannt und wissenschaftlich ausgewertet. Der Anlass des Briefes ist die Bitte an Schiller, seinen Einfluss in der Redaktion der „Allgemeinen Deutschen Literaturzeitung“ geltend zu machen, um Massenbachs Verteidigung gegen einen Angriff des österreichischen Autors von Lindenau unterzubringen. Schiller hatte der Bitte Massenbachs entsprochen und die kurze Erwiderung Massenbachs in der Ausgabe vom 29. Dezember abdrucken lassen. Eine briefliche Antwort Schillers ist jedoch nicht bekannt.
Da der Brief Massenbachs interessante Rückschlüsse auf dessen Stimmung im Jahre 1790 zulässt, sei hier der persönliche erste Teil des Briefes zitiert:
„Lieber Schiller,
Wir haben uns lange nicht gesehen, und in dieser langen Zeit nicht einmal an einander geschrieben, ohngeachtet wir alte Schulkameraden sind, und auch einmal Haus genossen waren.
Indessen bin ich in Gedanken oft bei Ihnen gewesen, und Ihr Genius muß Ihnen tausend mal gesagt haben, welchen vertrauten Umgang ich mit Ihnen gepflogen habe. Denn so oft ein neues Werk von Ihnen erschien; war ich wie der Blitz dahinter her, und zündete das Oel-lämpchen meines Geistes an dem Feuer-Meer des Ihrigen wieder an. Wie oft haben Sie mich in Enthusiasmuß versezt! Wie wurde mir, als ich Ihren Geister seher laß; die Haare kräuselten sich auf dem Kopfe, und es war mir, als würden sie aus der Wurzel gerissen. Ich habe Fortune gemacht, lieber alter Freund, denn ich bin preussischer Major und Flügeladjutant in meinem 32 Jahre, und habe mir auf den holländischen Dämmen, den Orden pour le merite gehohlt. Aber ich verkomme doch, und es wird nichts aus mir. Ich verroste, wie unsre Schwerdter, und ich werde nicht in der Sphäre gebraucht, in welcher ich wirken möchte. Doch, was hilft Klagen?“
Was den Besuch Schillers bei Massenbach im Mai 1804 betrifft, ist ein Blick auf den Ablauf des Programms jener Tage in Berlin und Potsdam bemerkenswert. In seinem Tageskalender notierte Schiller in Berlin die Besuche der Theateraufführungen der „Braut von Messina“, der „Jungfrau von Orleans“, Mozarts „Zauberflöte“ und „Wallenstein“. Über den Aufenthalt in Potsdam am 17. Mai heißt es: „Mittags bei Beume“ (vermutlich Minister von Beyme - die Autoren), „Abends in der Comödie Fanchon. Nachts bei Maßenbach“ Nichts Spektakuläres, wenn Jugendfreunde eine Nacht lang Erinnerungen austauschen - Schiller ein Jahr vor seinem Tod, Massenbach zwei Jahre vor dem Bruch in seiner militärischen Laufbahn nach Jena und Prenzlau.
Es gibt noch ein anderes Dokument, das den engeren Freundschaftskreis Massenbachs charakterisiert: einen bisher unveröffentlichten Brief des ehemaligen Zöglings der Karlsschule Baron Johann Friedrich Emmanuel von Ungern-Sternberg (1763-1825) an einen unbekannten Freund, in dem der Freund gebeten wird, Grüße an Massenbach, Mandelsloh und andere Karlsschüler auszurichten. Ungern-Sternberg war 1781/82 Zögling an der Karlsschule, von 1782-1784 studierte er an der Universität Erlangen, vermutlich Jurisprudenz. Er ging nach dem Studium in seine Heimat Estland zurück, machte Karriere in der Landesverwaltung, wurde im Jahre 1800 Vizekurator der Universität von Dorpat und 1810 Landrat und Kurator der Dom- und Ritterakademie zu Reval.
Der Brief belegt vor allem die Freundschaft Massenbachs mit dem aus Rostock stammenden Ulrich Leberecht von Mandelsloh (1760-1827), die über die Studentenzeit hinweg dauerte. Diese Freundschaft entstand erst auf der Solitude, nicht wie die mit Schiller schon auf der Lateinschule, sie hatte auch andere geistige Grundlagen. Mandelsloh und Massenbach verbanden geisteswissenschaftliche, geschichtsphilosophische Ideale, die Neigung zum disziplinierten Studium, zur Exaktheit. Nicht zuletzt fielen beide auf der Solitude und auch später in Stuttgart durch Ehrungen und Preise auf, ihre studentischen Leistungen waren überdurchschnittlich. Der Student der Forst-, Rechts- und Staatswissenschaft Mandelsloh wurde zweimal ausgewählt, im Namen der Studenten vor einer großen Öffentlichkeit zu sprechen. Bedeutsam für seine weitere wissenschaftliche und politische Laufbahn wurde die Rede, die er beim Stiftungsfest zur Erhebung der Militärakademie in eine Hochschule im Dezember 1782 hielt in Anwesenheit von Vertretern des Kaisers und deutscher Fürstenhöfe, so des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar und seines Ministers Goethe, in Anwesenheit der gesamten wissenschaftlichen Elite des Herzogtums Württemberg. Schon unmittelbar nach dem Abschluss des Studiums wurde er 1783 zum württembergischen Regierungsrat ernannt und mit geheimen diplomatischen Missionen betraut. Seine größten Erfolge konnte er auf dem Rastatter Kongress 1798/99 verbuchen wie auch als Geheimrat und Minister des Königreiches Württemberg für die Verantwortungsbereiche Universitäten, Kultur, Finanzen. Von seinem historischen Weitblick zeugen seine Bemerkungen über Napoleon Bonaparte in einem Brief an Massenbach vom 17. Januar 1798 aus Rastatt: “Den großen Buonaparte oder wie man vielleicht richtiger sagt, den glücklichen Buonaparte hab ich gesehen. Er ist ein sehr interessanter einnehmender Mann, der bei allen Reitzungen befriedigter Eitelkeit dennoch ganz das Äußere eines einfachen Mannes in seinem Benehmen beibehalten hat. Vielleicht war’s vorzüglich der Gegner, der ihn so groß machte Doch bleibt er auf jeden Fall einer der merkwürdigsten Männer dieses Jahrhunderts.“
Am Ende seiner politischen Laufbahn musste er aus der zentralen Regierungsverantwortung ausscheiden, da er als Repräsentant einer konservativen, feudalabsolutistischen Ideologie die neuen Entwicklungen im verfassungs¬rechtlichen Bereich nicht mehr mittragen konnte. Neben seiner politischen Karriere hielt sich Mandelsloh die Option des unabhängigen Advokaten offen, in dieser Eigenschaft vertrat er zwischen 1788 und 1798 die Brüder Christian und Ferdinand von Massenbach in innerfamiliären Auseinandersetzungen um das mit Schulden belastete Erbe des Vaters Georg Wilhelm.