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28. August 2011

Rede des Vorsitzenden des Fördervereins Alter Berliner Garnisonfriedhof,
Dr. Dieter Weigert,
zum Gedenken an Dr. Wilhelm von Braun, ermordet am 29. August 1941 im Konzentrationslager Buchenwald


Gedenken an Dr. Wilhelm von Braun



(Foto: Bundesarchiv)

Wir gedenken heute eines Mannes, dessen Lebens- und Leidensweg mehrfach die überkommenen Konventionen, die Standesnormen des königlich-preußischen Offiziers und Juristen des 19. /20. Jahrhunderts durchbricht.


Der Platz auf dem Friedhof,
an dem sich bis etwa 1979 die Grabdenkmale der Eltern des Dr. Wilhelm von Braun befanden

Das traditionelle Leitbild, wie es die Knesebecks, Brauchitschs, Holzendorffs, Lützows hier auf diesem Berliner Offizierskirchhof an der Linienstraße verkörpern, wird durch die vier Eckpunkte bestimmt:
erstens Offizier oder preußischer Beamter von der Wiege bis zur Bahre,
zweitens protestanisch,
drittens normgerechtes Familien- und Sexualverhalten,
viertens politisch neutral, passiv und loyal gegenüber der staatlichen Obrigkeit.

Grabanlage des Großvaters mütterlicherseits,
des Großindustriellen Friedrich Eduard Hoffmann,
auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin Mitte

Den ersten Ausbruch aus den Zwängen der Konvention versucht der Offizierssohn Wilhelm von Braun mit 21 Jahren. Hineingeboren 1883 in eine typisch märkische Offiziersfamilie – - Vater Regiments­kommandeur, einer der Ahnen sogar Stadtkommandant Berlins am Ende des 18. Jahrhunderts – nimmt Wilhelm von Braun schon in jungen Jahren, kurz nach der Beförderung zum Artillerie-Leutnant im Jahre 1904, den Abschied, um sich der Wissenschaft und dem Jurastudium zu verschreiben. Er promoviert 1910 an der Universität Heidelberg zum Dr. der Jurisprudenz und promoviert nach Aussagen seines Neffen Ralph von Gersdorff (Brief an mich vom 2.Oktober 1995 und mündliche Aussage bei einem Besuch im Jahre 1996) zum Dr. der Theologie, was wir bisher aber nicht nachweisen können. Der erste Ausbruch muss unterbrochen werden, da ihn 1914 der Weltkrieg holt – an die Ostfront, die er zwar überlebt, und danach in türkische Dienste. Braun beendet den Krieg in russischer Gefangenschaft.


Dissertationsschrift Wilhelms von Braun


Autobiographie aus der
Dissertationsschrift Wilhelms von Braun

Der zweite Ausbruch, das Verlassen der protestantischen Gemeinschaft, der Übertritt zur römisch-katholischen Kirche, erfolgte vermutlich schon im Jahre 1912, wie der Journalist Hansjakob Stehle nach Recherchen in den Archiven des Vatikan schreibt.


München/Zürich 1975

Es war die Freundschaft mit dem katholischen Priester Giuseppe Pizzardo, dem späteren Unterstaatssekretär im Vatikan und Kardinal, die ihn vermutlich zu diesem Schritt führte. Pizzardo war ab 1909, also während des Aufenthalts Brauns in München Mitarbeiter der dortigen päpstlichen Nuntiatur. Über geistige, weltanschaulich-philosophische Beweggründe für diese Entscheidung ist uns nichts bekannt.

Der dritte Bruch mit der Tradition, das homosexuelle Erlebnis, das offene Bekennen zur Homosexualität –nach Stehles Recherchen nachweisbar auch schon in der Zeit vor dem Weltkrieg. Um den Verfolgungen auf der Grundlage des § 175 im Kaiserreich zu entgehen, geht Braun in das in dieser Hinsicht liberale und tolerante Italien.

Und schließlich viertens der endgültige Bruch – unmittelbar nach den Erlebnissen des ersten Weltkrieges der Eintritt in die praktische Politik, der Einsatz für die Ziele des Humanismus, des Friedens, der internationalen Zusammenarbeit. Es ist wiederum der befreundete Monsignore Giuseppe Pizzardo, der die Fäden zum Vatikan knüpft.

Monsignore Pizzardo (1877 - 1970)

Kardinal Giuseppe Pizzardo

Der Vatikan versucht ab 1921, die mit der Neuen Ökonomischen Politik Lenins verbundene Öffnung Sowjetrusslands zum Westen für die Missionierung der orthodoxen russischen Gläubigen zu nutzen und bemüht sich um Kontakte zur Sowjetregierung. Der offizielle Vertreter Moskaus als Chef der Handelsmission in Rom ist in diesen Jahren der aus einer polnischen Familie stammende Ingenieur, Ökonom und Publizist, der Katholik Worowski, den ein Terrorist zwei Jahre später in der Schweiz erschießen wird.

Worowski und Wilhelm von Braun kennen sich aus der gemeinsamen Zeit in München der Jahre vor 1910 – Worowski, einer der wichtigsten Vertreter der Auslandsorganisation der Bolschewiki in Deutschland und der Schweiz und Braun, der Jurist.

Die erste Aufgabe Brauns in der Zusammenarbeit mit Pizzardo und Worowski 1921/22 ist die Vermittlung von Hilfslieferungen der westlichen Staaten über den Vatikan für die hungernde russische Bevölkerung, vor allem für die Kinder.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese intensiven, aber informellen Kontakte Berlin – Moskau – Vatikan sich in jener Periode festigen, in der der Katholik Joseph Wirth Reichskanzler ist.

Aus diesen ersten Kontakten entwickelt sich eine Kette diplomatischer Aktivitäten, die schließlich in die Konferenz von Rapallo und die enge Zusammenarbeit des Deutschen Reiches mit Sowjetrussland ab 1921 führen. Dr. Wilhelm von Braun hat aktiven Anteil an dieser Entwicklung durch die Herstellung von Kontakten von deutschen Großunternehmen wie z.B. Siemens & Halske und Großbanken wie z.B. der Deutschen Orientbank AG mit Sowjetrussland und daraus folgenden Angeboten von joint ventures und Konsortien zwischen dem Vatikan, Deutschland und Sowjetrussland. Nach gründlicher Auswertung der historischen Recherchen Stehles in Moskauer Archiven und dem Archiv des Berliner Auswärtigen Amtes kann man mit Gewissheit davon ausgehen, dass die erste offizielle, aber geheime Vereinbarung zwischen dem Vatikan und der Regierung Sowjetrusslands vom 12. März 1922, offiziell in Rom unterschrieben von Kardinal Staatssekretär Gasparri und Worowski als „Vertreter der Republik Russland“, die informellen Handschriften Pizzardos und Wilhelm von Brauns trägt. Das Dokument ist überschrieben: „Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Regierung der Sowjets über die Entsendung von Bevollmächtigten des Heiligen Stuhls nach Russland“ (abgedruckt in: Hansjakob Stehle, Geheimdiplomatie im Vatikan. Die Päpste und die Kommunisten, Zürich 1993, S. 385 f.) Das Datum der Unterzeichnung in Rom markiert die historisch-politische Bedeutung des Abkommens – drei Wochen später beginnt in Genua die Weltwirtschaftskonferenz mit aktiver Teilnahme von Vertretern des Vatikans, in deren Rahmen das Abkommen von Rapallo verabschiedet wird.

Angesichts der politischen Stellung des befreundeten Diplomaten Worowski erscheint die durch Familienangehörige und anderen Zeitzeugen angezeigte Behauptung durchaus glaubhaft, dass Braun über viele Jahre ein Foto mit sich geführt habe, auf dem er zusammen mit Lenin abgebildet gewesen sei.

Nach den bisherigen Erkenntnissen wird Ende März 1924 der Jurist und Diplomat Wilhelm von Braun zum letzten Mal in der diplomatischen geheimen Korrespondenz des deutschen Auswärtigen Amtes und in den Dokumenten des Vatikans erwähnt. Nach 1924 lebt Braun in verschiedenen Ländern, vermutlich in China, Italien, Deutschland – meist bei den Benediktinern. Die politischen Hintergründe liegen im Dunkel, auch die weiteren Kontakte zu Moskau, sie geben aber Anlass zu Spekulationen – ebenso wie der auf den ersten Blick überraschende Eintritt in die Nazipartei 1933.

Die vier Ausbrüche aus den Konventionen des preußischen Hauptmanns enden 1935 mit der Verhaftung durch die Gestapo und die Einlieferung in das Konzentrationslager Dachau. Damit beginnt der Leidensweg durch die Gefängnisse und Konzentrationslager des NS-Regimes – Dachau, Mauthausen, Buchenwald.

Nichts bleibt ihm erspart, der Status als politisch Prominenter wird sein Leiden noch verschärft haben, wie die Vermerke „Steinbruch“

oder „Strafblock“ auf Karteikarten der SS vom Jahre 1940 belegen.

In den KZ-Unterlagen wurde er als „prominenter Häftling“ geführt.

Was hatte es damit auf sich? Im Archiv des Internationalen Suchdienstes Arolsen gibt es zwei undatierte Listen, jeweils überschrieben: „Prominente Häftlinge im K.L. Buchenwald“. Eine ist mit Sicherheit nach dem Februar 1940 angelegt worden, sie enthält Namen, darunter auch den des Dr. Wilhelm von Braun mit folgender Personenbeschreibung: „Theologe, § 175, Hauptmann a.D., Polizei-Agent, Verbindungsmann z. Vatikan Sowjetbotschafter in Rom“. Die zweite Liste ist zwar auch überschrieben mit „Prominente Häftlinge im K.L. Buchenwald“, wurde aber in den Unterlagen des KZ Dachau gefunden. Die Eintragungen zu einzelnen Namen zeigen, dass die Liste von Mitte April 1940 stammt. Die Eintragung zu Braun ist gestrichen mit dem Vermerk 14.4.40.

Zur „Prominenz“ dieser Listen zählen u.a. Funktionäre der KPD auf Landesebene der Weimarer Republik, Hohe Staatsbeamte, katholische Priester, Militär- und Gendarmerieoffiziere der ehemaligen Republiken Österreich und Tschechoslowakei.

Am 29. August 1941 wird Wilhelm von Braun durch eine Gift-Injektion ermordet.

Seine Schwester Bertha, die in Berlin lebt, erhält im Winter 1941 die Habseligkeiten ihres ermordeten Bruders. Offiziell schreibt der zuständige SS-Offizier auf die Rückseite der Karteikarte mit der Auflistung des Eigentums. „Der Nachlaß wurde am 19. Dezember 1941 der Kripo-Leitstelle Berlin zur Aushändigung an die Schwester des Verstorbenen übersandt.“

Die Schwester Bertha Friederike von Gersdorff-Büttikofer, geborene von Braun, selbst dem Widerstand gegen das NS-Regime verbunden und später vor dem „Volksgerichtshof“ angeklagt, setzte mutig durch, dass die Urne mit der Asche des ermordeten Juristen und Hauptmanns im Familienbegräbnis auf dem Alten Berliner Garnisonfriedhof im Oktober 1941 ihren Platz fand. Sie wurde wegen offener Kritik am NS-Regime nach dem 20. Juli 1944 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und am 23. April 1945 durch die angesichts der sich nähernden Roten Armee verunsicherten Wärterinnen des Gerichtsgefängnisses in Berlin-Charlottenburg freigelassen.


Schwester Wilhelms von Braun,
Bertha von Gersdorff

Das Familienarchiv (Texte, Dokumente und Fotos) wurde uns freundlicherweise in den 90er Jahren durch den in Washington, D.C. (USA) lebenden Bruder des Rittmeisters Gero von Gersdorff und Neffen Wilhelm von Brauns, Dr. Ralph von Gersdorff, zur Verfügung gestellt. Er ist im Jahre 2006 verstorben, wie aus einem Nachruf der Washington Post hervorgeht. Ralph von Gersdorff, das hat er mir gegenüber schriftlich und mündlich immer betont, fühlte sich der politischen antifaschistischen Haltung seines Onkels und seiner Mutter verpflichtet.

Leider ist die Grabanlage der Familie von Braun mit den Grabdenkmalen des Vaters und der Mutter Brauns Ende der 70er Jahre abgeräumt worden, ein Schicksal, das auch andere Familien auf diesem Friedhof teilen. In der 1978 von Peter Rohrlach angelegten Liste der auf dem Garnisonfriedhof vorhandenen Grabstätten sind sie noch als existent aufgeführt: Platz 4, 3. Reihe, Nr. 299.

Lassen Sie mich abschließend Dr. Helas, Volker Hobrack, den abwesenden Heinz Berg und den anderen Historikern und historisch Interessierten danken, die großen Anteil an den hier dargelegten Erkenntnissen haben, die uns Denkanstöße gaben und uns Mut zum Weitersuchen machten. Seit nunmehr zwanzig Jahren suchen wir in den bekannten größeren und kleineren Archiven – nun sind wir fündig geworden.

Aber wie die weißen Flecken auf unseren drei provisorischen Tafeln demonstrieren, liegt noch viel Arbeit vor uns. Ich deute nur an:

- Das Studium der Gerichts- und Gefängnisakten der Bertha von Gersdorff, von 1944/45

- Weitere Details über die Zusammenarbeit Brauns mit Worowski und Pizzardo in russischen Archiven

- Die Kontakte von Brauns zu Führungskräften deutscher Banken und Industrieunternehmen

- Aktivitäten Brauns zwischen 1924 und 1933 im Orden der Benediktiner

- Vertiefung der Erkenntnisse über den Umgang mit Homosexualität im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im NS-System

Neugierige und Enthusiasten sind gesucht – aber auch finanzielle Förderer des Gedankens, dem Andenken des mutigen Mannes Dr. Wilhelm von Braun auf diesem Friedhof, am Platz seiner Beisetzung einen würdigen Stein zu setzen.



Der Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof e.V. und die Gedenktafelkommission des Stadtbezirkes Mitte laden zu einer Spendenaktion auf -
Ziel ist die Errichung eines Gedenksteines für Dr. Wilhelm von Braun

am Platz des verschwundenen Grabmals für die Familien von Braun und von Gersdorff auf dem alten Offiziersfriedhof.
Die Kosten für den Gedenkstein werden auf 3.000 EURO gschätzt.
Wir bitten Spenden auf folgendes Konto zu überweisen:

Konto 636 224 16
bei der Landesbank Berlin
BLZ 100 500 00.





Idee eines Gedenksteines für den ermordeten Dr. Wilhelm von Braun

,

Akten des Internationalen Roten Kreuzes zum Tode Wilhelms von Braun
im KZ Buchenwald


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Die Gedenkstunde am 28. August 2011

(Foto: Thomas Simon)

(Foto: Barbara Kündiger)

Volker Hobrack, Vorsitzender der Gedenktafelkommission der BVV Mitte,
und Dr. Dieter Weigert, Vorsitzender des Fördervereins Alter Berliner Garnisonfriedhof,
bei der Eröffnung der Veranstaltung am 28. August 2011

(Foto: Barbara Kündiger)

Dr. Dieter Weigert bei der Gedenkrede für den Juristen und Hauptmann a.D. Dr. Wilhelm von Braun

IMPRESSUM

Vorstand des Fördervereins,
Dr. Dieter Weigert,

Postanschrift Naugarder Straße 11,

10409 Berlin, Fax 030 - 22 19 8883

oder e-mail: weigert@garnisonfriedhof-berlin.de

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