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DIE GRABMÄLER DES HISTORISMUS UND DER REFORMKUNST
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Wachsender Wohlstand der gründerzeitlichen Gesellschaft
ließ ab 1860 den Wunsch nach stärkerer äußerer Repräsention
auch auf Friedhöfen entstehen. Aufwendige Grabanlagen in großer Formenvielfalt,
kostbarem Material und reichem Skulpturenschmuck wurden üblich, besonders
bei Mausoleen und Grüften. Der Einfluß der klassizistischen Kunst
blieb jedoch in der Friedhofsarchitektur länger lebendig als im profanen
Bereich. Elemente des Klassizismus, der Neurenaissance und des Neubarock
wurden im Sinne einer malerischen Architektur zusammengefügt, ohne
die dem Ort angemessene Würde aufzugeben. Nach 1905 entwickelte sich
gegen diesen Prunk eine Reformbewegung, die neben der Aufnahme des Jugendstils
den formreduzierten Neuklassizismus befürwortete. |
| Die Grabmale des Historismus |
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Gerade aus der für die Berliner Begräbnisplätze so fruchtbaren Zeit von der Gründung des II. Deutschen Kaiserreichs 1871 bis zur Jahrhundertwende sind nach dem Abriß sämtlicher Mausoleen und Wandgräber in den 1960er und 1970er Jahren nur noch wenige bedeutende Grabmale auf dem Alten Garnisonfriedhof erhalten geblieben. Die überkommenen Grabdenkmale illustrieren aber noch immer eindrucksvoll mit ihrem neubarocken Formenreichtum das Schmuckbedürfnis einer zu Wohlstand gekommenen bürgerlichen Schicht. Formenvielfalt und das Zusammenfügen verschiedenfarbiger und -artiger Materialien sind typische Kennzeichen dieser, auf malerischen Effekt ausgerichteten Kunst des Späthistorismus. |
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Ein frühes und besonders reiches Beispiel für
die historistische Grabkunst ist mit dem weißmarmornen Grabmal der Familie
Greiffenberg/Giersch de Rège (nach 1870?) erhalten geblieben. Auch
dieses, auf den ersten Blick klassizistisch anmutende Grabmal, lebt ganz
vom malerischen Effekt, der hier verspätete Ruinenromantik mit der
modernen Selbstdarstellung einer erfolgreichen Familie verbindet. |
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der Reliefrahmung und in den Kapitellen), mit der gerade
das Grabmal Greiffenberg geschmückt ist, zu widersprechen. Die in
der unteren Architravzone eingemeißelte Inschrift nennt die drei christlichen
Kardinaltugenden: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, deren Symbole
Kreuz-Herz-Anker mittig zwischen den Tondi im Relief dargestellt sind.
Hier ist der einzige Hinweis auf die - protestantische - Religion der
Verstorbenen gegeben. Die plastische Wiedergabe des Bibelzitates ist eine
typische Erscheinung einer Zeit, der das Verständnis für die
christlich-religiöse Kunst vor der Französischen Revolution
verlorengegangen war und die nach neuen Ausdrucksformen in der Darstellung
des christlichen Glaubens suchte. |
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Rückgriffe auf die Kunst des Klassizismus waren
auch ansonsten nicht ungewöhnlich, wie es das nach 1978 abgeräumte
Wandgrab für den Fabrikanten und Leutnant der Landwehr Fritz Steinrück
(1864-1913) zeigt. Vor einer monumentalen, mit schwarzem Granit verkleideten,
romanisierenden Grabwand war, hinterfangen von einer Blendnische, eine
weißmarmorne Replik der von Bertel Thorwaldsen 1821 für den Hauptaltar
der Kopenhagener Frauenkirche geschaffenen Christusfigur aufgestellt.
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gesellschaftlichen Umwälzungen im 19. Jahrhundert ins Wanken geraten war, und die nun wieder in der Religion, insbesondere in der für die christlichen, karitativen Tugenden stehende Person des Erlösers Jesus, Halt suchten. Gerade in der Zeit um 1900, als die Euphorie eines Zeitalters, dem alles machbar erschien, unter dem Eindruck einer zunehmenden sozialen Verelendung der Massen und der immer kritischer werdenden außenpolitischen Situation erheblich nachließ, ist eine Zunahme von Christusdarstellungen zu verzeichnen. So ist es nicht verwunderlich, daß allein in Berlin unzählige weitere Kopien der Figur Thorwaldsens oder daran angelehnte Umformungen auf den Friedhöfen Aufstellung fanden. Das verschollene Marmorwerk vom Alten Garnisonfriedhof gehörte darunter zu den kostbarsten. |
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Ein in vielerlei Hinsicht interessantes Denkmal aus der
Kaiserzeit ist das Grabmal für den General und Logenmeister Gustav
Adolf von Ziegler (1808-1882). Form und Bildersprache verweisen
hier weniger auf Zieglers militärischen Stand, sondern auf seine
Funktion innerhalb der Freimaurer-Loge, die anstelle von Zieglers Sohn,
des benachbart beigesetzten Obersten Gustav Adolph von Ziegler (1854-1902),
auch den Grabmalsauftrag vergab. Das über quadratischem Grundriß
aus rötlich-braunem Granit gefügte Mal besteht aus drei sehr
unterschiedlich gestalteten Hauptzonen. Die untere, ein leicht nach oben
verjüngter, altarähnlicher Block, birgt die Inschriften - vorne
stehen Namen und Daten des Verstorbenen, rückseitig: Gott vor Augen
/ Wahrheit auf der Zunge / Brüderliebe im Herzen. Die Seiten schmücken
in Ritzzeichnung gegebene Lorbeerzweige. Im oberen, halbrund in die zweite
Zone hineinragenden Bereich, sind zwei Tondi aus weißem Marmor eingelassen.
In profilierter Rahmung ist vorne das naturalistisch-neubarocke Reliefprofilporträt
des Geehrten eingesetzt, auf der Rückseite liest der Betrachter in
Kapitalen: Auf Wiedersehn! |
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Wahrheits- und Weisheitssymbole zu interpretieren, Eigenschaften, die einem Meister der Freimauerloge gut zu Gesicht stehen. Die Vierzahl entspricht dem Anspruch nach Strahlkraft der Loge, die ihr Wirken in alle Himmelsrichtungen auszurichten bestrebt ist. Ziegler wird somit als integrer Vermittler der Logenideale geehrt. Ebenfalls in Bezug zu dieser Funktion ist der quadratische Block anzusehen, der die dritte Zone des Grabmals ausmacht. Wie schon 1777 der Kubus des Altars der "Agathe Tyche" in des Freimaurers Johann Wolfgang von Goethes Weimarer Garten die Erde bedeutet - die darauf aufliegende Kugel hingegen das Kosmische - wird auch hier an eine ähnliche Interpretation zu denken sein. Der oberste Stein ist mit dem Eisernen Kreuz und mit dem Zeichen der Freimaurer geschmückt: Zirkel und Senkblei - zum Ausmessen der Welt und Ausloten der Wahrheit. |
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Ein weiteres, bedeutendes Werk der historischen Grabmalskunst ist auf dem Alten Garnisonfriedhof mit dem Grabdenkmal für den Schriftsteller und Prediger der Berliner Garnison, Emil Wilhelm Frommel (1828-1896) und seiner Frau Amalie (1833-1915), erhalten geblieben. |
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der Gestaltung des Korpus lehnte sich der Künstler
in gelungener Weise an gotische Vorbilder gleichen Sujets an und kann
als guter Kenner gotischer Plastik betrachtet werden. Der Künstlersohn
und Laienhistoriker Frommel selbst, hat wie sein Sohn Otto H. Frommel
es mitteilt, diese Anlehnung an historische Vorbilder bei der Gestaltung
seines Grabmales gewünscht. Das genaue Studium historischer Vorbilder
ist ein typisches Erkennungszeichen späthistoristischer Kunst, die
eine stilistische Perfektion anstrebte und sich dadurch von der frühhistoristischen
Kunst der Romantik erheblich unterscheidet. |
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| Reformsteine und die Moderne |
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Das Grabmal für Olga Malcomess, geb. von
Zieten (1852-1904), stellt stilistisch ein wichtiges Verbindungsstück
zwischen der Kunst des Historismus und der Reformkunst nach 1900 dar. |
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sehr feines, idealisiertes Gesicht rücken die Figur
stilistisch in die Nähe der Reformkunst. Vergleichbar in der stilistischen
Entwicklung ist die hervorragend gebildete Trauernde am Grabmal für
Frieda Hankh auf dem Neuen Dorotheenstädtischen Kirchhof in Berlin-Wedding,
um 1907 geschaffen von dem Bildhauer Gerhard Janensch (1860-1933). Beide
Bildhauer verschleierten mit der stilistischen Modifizierung ihrer Trauernden
die Übernahme eines Figurentyps aus der Kunst des Neubarock. Seit
etwa den 1870er Jahren gehörten die weiblichen Klage- und Trauerfiguren
zu einem der gefragtesten Sujets der Grabmalskunst. Sie löste endgültig
den trauenden Todesgenius, mit dem der Klassizismus den ephebenhaft schönen
Todesgenius Thanatos als Verdränger des barocken Totengerippes gefeiert
hatte, ab, und reagierte damit auf den Bewußtseinswandel in der gründerzeitlichen
Gesellschaft, die die "sentimentale" Trauerarbeit als Aufgabe
der Frauen sah. Die "schöne trauernde Witwe" oder die "jungfräulich
verstorbene Schöne" wurden zum literarischen Motiv ("Der
Tod und das Mädchen"). Inhaltlich sind als Vorbilder der Trauernden
die Darstellungen von Klagefrauen auf antiken Sarkophagen (Klagefrauen-Sarkophag
aus der Nekropole von Sidon) und auf mittelalterlich-französischen
Grabtumben anzusehen. Im Formalen erinnern die Figuren mit gefalteten
Händen auf den Grabmalssockeln (oft vor abgebrochenen Säulen
oder Kreuzen) stehenden Trauernden an Verbildlichungen der am Kreuze Christi
trauernden Muttergottes. Das zwar durch seine Innigkeit berührende,
doch letztendlich profan wirkende Bild der Trauernden erhält so einen
sakralen Hintergrund, der die Heiligkeit der Grabstelle betont. |
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Das ursprünglich von einem schlichten Grabgitter
umgebene Grabmal für den jung umgekommenen Leutnant im Regiment Königs
Jäger zu Pferde, Curt Kruge (1887-1914), zeigt eine gesockelte
Granitarchitektur mit geschwungenem Aufsatz, der die auf Grabmalen schon
seit langem bekannte Inschrift Die Liebe höret nimmer auf trägt.
Den Hauptschmuck des Grabmals bildet jedoch ein aus dem Stein herausgeprelltes
Relief einer knieenden, trauernden jungen Frau. Formal an die knieenden
Trauerengel des späten Klassizismus angelehnt, besticht das Werk
durch seine zarte, jugendstilige Kontur und den Liebreiz des Ausdrucks.
Der Bildhauer des Reliefs ist nicht bekannt, die vermutete Autorenschaft
des Schülers von Albert Wolff und Fritz Schaper, Fritz Georg Klimsch
(1870-1960), noch nicht bestätigt. Die unterhalb des Reliefs unter
einem eingeritzten "Eisernen Kreuz" und dem Namen des Verstorbenen eingetiefte
Inschrift mit ihrem Hinweis auf den "Heldentod" Kruges, will nicht so
recht zu dem friedlichen Bild darüber passen, entspricht aber der
"scheinsinnfindenden" Auffassung der Zeit, die die Trauer patriotisch
zu verbrämen suchte. |
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| Verwitterung gänzlich weggewischt worden ist. Der Künstler, der das Porträtrelief Wincklers schuf, ist nicht bekannt. | |
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